Alltags-Experiment: When You're Smiling

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Neulich habe ich bei einem prüfenden Blick in den Spiegel feststellen müssen, dass ich in meinen jungen Jahren schon deutliche Stirnfalten habe! Trockenheitsfalten – beschwichtigte mich meine Freundin. Aber ich wusste es besser: Der Grund dafür war meine ewig kraus gezogene Stirn. Erschrocken strich ich mit dem Zeigefinger über die kleinen Furchen und beschloss, dass etwas geschehen musste.

Wie der Zufall es so wollte, fiel mir zeitgleich ein Hinweis über die Magie des Lächelns in die Hände. Wer hat es noch nicht gehört: „Schenke dem Leben ein Lächeln und es lächelt zurück.“ Normalerweise plärrt bei diesen Sätzen mein Kitschalarm los. Das ist meiner Meinung nach Material für Wandtattoos und Poster in Comic Sans. Aber, diese Denkweise hatte mich ja geradewegs zu meinen prominenten Stirnfalten geführt. Es war also an der Zeit, ein Experiment des Umdenkens zu wagen. Ich machte mit mir einen Pakt aus: Einen Monat lang würde ich jeden Menschen, der mir entgegen kam, anlächeln. Egal ob Mann oder Frau, sympathisch oder miesepetrig, jung oder alt.

Die Sonne lacht, die Menschen sind ausgelassen – es ist ein bisschen „Freitag-vor-den-großen-Ferien Stimmung“. In anderen Worten: Mein Experiment fängt leicht an! Ich muss mich kaum überwinden, als ich die ersten Menschen anlächele. Ich bemühe mich, nicht in ein abgestumpftes Dauergrinsen zu verfallen, sondern jeder Person bewusst ein Lächeln zu schenken. Das klappt erstaunlich gut. Die meisten Menschen lächeln zurück – manche zaghaft, andere breit. Nur zwei Menschen ignorieren mich komplett und eine Person guckt über die Schulter, um zu sehen, ob ich wirklich sie gemeint habe.


Die Reaktionen der Menschen sind interessant, aber voraussehbar. Viel interessanter ist, was ich über mich lerne! Frauen und alte Menschen anzulächeln, fällt mir leicht. Bei Kindern füge ich unweigerlich immer ein Zwinkern hinzu – als wären wir Teil eines konspirativen Verbundes. Warum ich von mir glaube, mit einem zahnlosen kleinen Wesen mit Zwiebackkrümeln auf der Latzhose ein Geheimnis zu teilen, muss ich an anderer Stelle noch mal erforschen …

Die Männer machen es mir schwer. Eher gesagt: Ich mache es mir mit den Männern schwer. Ich bekomme nur eine schüchterne, kleine Bewegung der Mundwinkel zu Stande, die vage an ein Lächeln erinnert. Die ganze Zeit hindert mich der Gedanke: Was ist, wenn sie denken, dass ich gerade plump versuche zu flirten? Um die Spannung rauszunehmen: Offensichtlich hat das niemand gedacht, denn bis zum Ende des Monats, wurde mein Lächeln zwar erwidert – aber niemand kam auf die Idee, mich nach meiner Telefonnummer zu fragen. Oder mir einen Heiratsantrag zu machen. Also meine Damen – do try this at home – es wurde von mir getestet und für ungefährlich befunden.


Nachdem ich mich auch bei den Männern ein bisschen locker gemacht hatte (ich hatte das freundlich-unverbindliche Lächeln perfektioniert) – wurde ich gegen Ende meines Experiments auf eine letzte Probe gestellt. Samstagabend S-Bahn Station Sternschanze: Ein beliebter Treffpunkt; für alle, die auf ihre Abendbegleitung warten. Menschen strömen im Minutentakt aus dem Ausgang, am Kiosk in der Vorhalle werden Zigaretten und Bier gekauft, am Obststand dudelt ein Radio leise in den Sommerabend hinein.

Ich warte seit 10 Minuten auf eine Freundin – und die Stimmung auf dem Vorplatz ist zunehmend angespannt. Die Wartenden starren gebannt auf ihre Smartphones, vor dem Wettbüro auf der anderen Straßenseite schreien sich zwei Männer an. Ein Obdachloser geht durch die Menge und bittet um Geld. Aus der S-Bahn steigt ein Mann (Typ Gangster-Rap) mit einer Bulldogge. Ich bin keine besonders mutige Frau und normalerweise hätte auch ich verschämt zu Boden geschaut oder mich in die behütete Welt meines Instagram-Streams geflüchtet. Aber ich harre aus und lächele.

Vielleicht sehe ich debil oder betrunken aus. Aber das ist mir egal, denn ich stelle eine weitere erstaunliche Wirkung verzogener Mundwinkel fest: Ein Lächeln verscheucht meine Angst. Eventuell ist das naiv – aber ich habe das Gefühl, wenn ich die Situation mit freundlichem Humor betrachte, verliert sie ihre Bedrohlichkeit. Ich schwenke eine weiße Fahne auf diesem schäbigen Vorplatz. Ich erkenne die Welt um mich herum an – in all ihrer schmutzigen Realität. Mir kann nichts passieren. Ich lächele doch gerade so schön das Leben an.


Der Monat ist vorbei und meine Stirnfalten haben sich zurückgebildet. Wenn ich sagen würde, das Lächeln sei mir zur zweiten Natur geworden, dann würde ich lügen. Aber ich geize nicht mehr damit herum, als sei es die letzte Banane beim Marathon. Ich betrete einen Laden und lächele. Ich sehe eine Frau, die hübsch angezogen ist, und lächele sie an. Und ich stelle fest: Ich kann damit nur gewinnen. Global betrachtet geht es um etwas viel Größeres als mein Selbstbewusstsein oder Schamgefühl.

Es geht um Frieden. Es geht darum, dass in jedem Lächeln die Kraft steckt, unangenehme Situationen umzudrehen. Ein Lachen steckt an. Du kannst entscheiden, wie sich der Moment entfaltet. Wenn man sich bewusst macht, dass man mit jedem Lächeln Einfluss nimmt – jedes Schmunzeln eine Gestaltungsmöglichkeit ist, dann ist das großartig. Es macht mir klar: Ich habe die Wahl – und das ist Freiheit!

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